Die Feuervögel

Eine musikalische Begegnung mit
Paul Bowles und Hans Helfritz

Ich habe Paul Bowles und Hans Helfritz nicht persönlich kennenlernen dürfen. Ich war allerdings sofort zutiefst berührt, als Joerg Lehmann mir die schwarz-weiß Fotos der beiden im hohen Alter zeigte, die er 1992 bei einem gemeinsamen Treffen in Tanger, also in Marokko, aufgenommen hatte. 

Die Leben dieser zwei außergewöhnlichen Schriftsteller, Musikkomponisten, Abenteuerreisenden und Übersetzer in einem Tag zu vereinen, schien mir als Aufgabe nahezu unmöglich. Zu komplex und vielseitig waren die Lebenswege des Amerikaners Paul Bowles und des Deutschen Hans Helfritz, zu groß deren Bedeutung für ihre Zeit. Beide waren Seelensucher, manchmal mit magischen Fähigkeiten. Beide trugen diesen Fluch und Segen wie ein Kreuz durch die Welt, nein eigentlich flogen sie wie Feuervögel. Und deshalb ist es eine musikalische Begegnung geworden. Spielen Sie beim Betrachten der Bilder und Lesen des Textes gerne die entsprechende Musik, die letzten 10 Minuten sollten sie allerdings das Video anschauen und Ihrer Vorstellungskraft freien Lauf lassen:

Als der russische Komponist Igor Strawinsky sein Ballett „Der Feuervogel“ 1910 in Paris uraufführte, war Hans Helfritz gerade einmal acht Jahre alt und Paul Bowles wurde im selben Jahr erst geboren. Der Komponist und Dirigent Strawinsky, mit französischem und amerikanischem Pass, also ebenfalls ein Weltenbummler, war damals einer der bedeutendsten Vertreter der Neuen Musik. Und „Neu“ sollte für die folgende Epoche und auch die Leben der Nomaden Bowles und Helfritz eine echte Triebfeder werden. Hans Helfritz sagte später einmal dazu: „Wer nicht neugierig bleibt, der versagt viel früher und wird dann auch keine Lust mehr am Leben haben. Neugier muss man bis zum Schluss haben.“

Die Handlung des Balletts „Der Feuervogel“ basiert auf den zwei russischen Volksmärchen „Der Feuervogel“ mit der Figur des Märchenhelden Iwan Zarewitsch, Sohn des Zaren, und „Der Zauberer“, mit der mythologischen Gestalt des unsterblichen und bösen Koschtschei, einem alten Mann, der vornehmlich junge Frauen bedroht. Der junge Prinz Iwan jagt den Feuervogel und gelangt so in den Garten des Zauberers. In der weiteren Geschichte geht es um die Freiheit und Befreiung der Menschen von Zwängen, die magische Kraft der Feder, die den Feuervogel erscheinen, Wünsche wahr werden und bedeutende Dinge formulieren lässt, das unsterbliche verliebt sein. Aber es geht auch um den Kampf mit den Dämonen, die Erlösung durch den Tanz und eine Höhle unter den Wurzeln des Wunderbaums, in der die Seele wohnt.

Hans Helfritz und Paul Bowles waren ihr Leben lang auf der Suche nach diesem Zufluchtsort der Seele. Und sie suchten an beinah jedem Fleckchen Erde danach. Wenn ich die Fotografien betrachte, kann ich nur erahnen, welche Kraft diese Lebensreise und Auseinandersetzung gekostet haben muss. 

Ich sehe die Gesichter, Körper und Hände zweier Männer, die viele innere Schlachten geschlagen, geliebt und gezweifelt haben. Jeder Gedanke, jedes Gespräch, jede Note, jeder Brief, jeder Ort und jedes Telefonat waren ein weiterer Flügelschlag durch die Gezeiten und den unendlichen Kosmos. Ohne je ein Wort mit ihnen gewechselt, eines ihrer Werke ganz gelesen, ihre Kompositionen gehört oder Filme gesehen zu haben, spüre ich die Ernsthaftigkeit und Qualität ihres Tuns. Und ich vermisse die Größe und Tiefe einer Generation von Kulturschaffenden, die so vielschichtig verstanden haben, was es heißt, Mensch zu sein und Mensch zu werden.

Paul Bowles schrieb dazu in seinem Roman „Himmel über der Wüste“ von 1949: „Es ist eine einzigartige Empfindung, und sie hat nichts mit Verlassenheit zu tun, denn Verlassenheit setzt Erinnerung voraus. Hier, in dieser vollkommen mineralischen Landschaft, von Sternen erhellt wie von Leuchtfeuern, verschwindet sogar die Erinnerung; es bleibt nichts übrig als Ihr eigenes Atmen und das Geräusch Ihres schlagenden Herzens. Ein merkwürdiger und keineswegs angenehmer Prozess, bei dem Sie sich neu zusammensetzen, beginnt in Ihrem Innern abzulaufen, und Sie haben die Wahl, entweder dagegen anzukämpfen und darauf zu bestehen, dass Sie die Person bleiben, die Sie immer gewesen sind, oder es geschehen zu lassen. Denn niemand, der längere Zeit in der Sahara war, ist noch genau derselbe, wie bei der Ankunft.“

Und so steigen sie auf die Feuervögel Paul Bowles und Hans Helfritz und geleiten uns den Weg zur Erkenntnis. Sie haben uns eine Landkarte durch die Wüste hinterlassen, die jeder für sich selbst lesen und durchwandern lernen muss, wenn man Fliegen und Magisches erleben will. Ich habe viele Jahre in den USA verbracht und durfte einmal in Savannah, Georgia, einer Aufführung von Igor Strawinskys „Feuervogel“ beiwohnen. Die Musik und Stimmung haben mich nachhaltig beeindruckt und für den Moment entführt. Heute weiß ich, dass es ein wichtiger Tag meines Lebens war und mich der Feuervogel, vielleicht ja sogar die Feuervögel, besucht hat, mich atmen ließ und mir so einen kurzen Einblick in meine Seele erlaubte. Wer hätte das gedacht, dass mich diese Männer und ihre Fotos dorthin zurückführen würden.

Ich danke Dir, lieber Joerg.